Was ist oder kann systemische Naturtherapie?
Systemische Naturtherapie changiert in einem Arbeitsfeld zwischen Kreativtherapie und Erlebnispädagogik und eignet sich besonders in Phasen von Übergängen, Neuordnungen und Einordnungen.
Im Prozess sein
Manchmal verdichten sich Ereignisse, die eine starke Veränderung markieren, einen Bruch zum Leben davor bedeuten. Oder wir spüren, dass eine solche Veränderung ansteht, ohne jedoch genau zu wissen, wie sie aussehen wird. Es sind Momente, die uns bewusst machen, dass das Leben nicht mehr so sein wird wie zuvor. Das kann verunsichern, den Wunsch nach Orientierung wecken und auch körperlich belastend erlebt werden.
Ein Prozess ist eben keine klassische Heldengesichte, zumindest noch nicht.

Systemische Methoden
Systemische Strukturaufstellungen ermöglichen sanfte Perspektivwechsel. Gedankenkarusselle können durch den Blick von außen unterbrochen werden.
Wenn sich der Kopf um große und kleine Lebensfragen dreht, sind systemische Aufstellungsformate hilfreich, um aus dem rationalen Denken in ein Handeln und Fühlen zu kommen. Wir stellen einmal das Problem, die Blockade, die Angst, den neuen Wohnort oder jede Art von Beziehung in den Raum, gehen dorthin und schauen so ganz automatisch handelnd und fühlend mit einer neuen Sichtweise auf ein Anliegen.
Kreativarbeiten in der Natur wirken ähnlich, sind methodisch jedoch freier. Auch hier geht es darum, rein rationale Prozesse in eine handelnde Bewegung umzusetzen. Hierunter verstehe ich gestalterische Arbeit mit den Materialien, die man draußen ebenso vorfindet. Die Arbeit mit den Händen weckt ein freies, assoziatives Bewusstsein. Am Ende bleibt Zeit, sich ganz rational anzuschauen, was dort eigentlich entstanden ist.
Draußen
Diese Arbeitsweise schätzt den zeitweisen Rückzug in die uns umgebenden Landschaften, um Qualitäten wie Zugehörigkeit, Intuition und Vertrauen zu stärken. Als Gruppe oder allein. Es geht dabei keineswegs um Weltflucht oder ein Zurück-zur-Natur. Im Gegenteil: Das Betreten von Räumen, in denen wir nicht (mehr) zu Hause sind, fördert das Handeln außerhalb gewohnter Muster und ermöglicht ein erfahrungsorientiertes Lernen, um bestenfalls gestärkt die Welt zu betreten und mitzugestalten.
Die Welt als eine zu begreifen, in der wir mit anderen nicht-menschlichen Wesen leben, in der komplexe Austauschprozesse stattfinden, in der es nicht immer nur um Kampf und Überleben geht, ist in Zeiten globaler klimatischer und gesellschaftlicher Transformationsprozesse ein lohnender Ansatz. Wir sollten uns und unseren Platz auf dieser Erde überdenken, um sie für alle lebenswürdig zu gestalten.
weiterführende Literatur
Mensch und Natur. Neuere Ansätze in Philosophie, Anthropologie und Naturschriftstellerei. Grote, Bettina.In: e & l – Erleben und Lernen 2/2024, S. 4-9.
Draußen sein – Astrid Habiba Kreszmeier und Dorothea Kurteu im Gespräch mit Bettina Grote: podcast sympoietics
Descola, Philipp: Die Ökologie der Anderen. Die Anthropologie und die Frage der Natur. Matthes & Seitz. Berlin 2024
Kreszmeier, Astrid Habiba: Systemische Naturtherapie. Heidelberg 2008
Kreszmeier, Astrid Habiba: Elementare Verschreibungen. Erde, Wasser, Feuer und Luft in
der Psychotherapie. In: Pfeifer, Eric (Hrsg.): Natur in Psychotherapie und Künstlerischer
Therapie. Bd.2. Gießen 2019, S. 315-328
Kreszmeier, Astrid Habiba: Natur-Dialoge: Der sympoietische Ansatz in Therapie, Beratung und Pädagogik. Carl-Auer Verlag.2021
Kimmerer, Robin Wall: Das Sammeln von Moos. Eine Geschichte von Natur und Kultur. Matthes & Seitz. Berlin 2022
Martin, Nastassja: An das Wilde glauben. Matthes & Seitz. Berlin 2021
Martin, Nastassja: Im Osten der Träume. Matthes & Seitz. Berlin 2024
Rosa, Hartmut: Unverfügbarkeit. 6. Aufl. Wien-Salzburg 2020.
Rosa, Hartmut: Die Natur als Resonanzraum und als Quelle starker Wertungen. In:
Analyse einer anthropologischen Grundproblematik des 21. Jahrhunderts. Freiburg und
München 2014, 123-141
und viele Weitere...